· 

Vlcice - Eine Reise zu meinen Wurzeln

Ich weiß nicht viel über meine Großeltern mütterlicher Seite. Meine Großmutter ist mittlerweile 90 Jahre alt und stark an Demenz erkrankt, mein Großvater irgendwann verstorben, als ich 6 Jahre alt war. Das ist nun 29 Jahre her. Dementsprechend mühselig ist die Recherche in die Vergangenheit.

Mein Wissen am Anfang war nicht viel. Oma kam aus Ostpreußen, Opa aus Tschechien. Ich wusste, wann er geboren war und ich hatte auch ein paar alte Aufnahmen gesehen. Opa war im Krieg, lernte Oma kennen, zusammen gründeten sie eine Familie.

Opa war Magier, Autoverkäufer und rauchte wie ein Schlot. Er sammelte Briefmarken und war leidenschaftlicher Fotograf. Meine letzte Erinnerung an ihn war, dass ich mich von ihm verabschiedet hatte, da bekam er keine Luft und wurde ins Krankenhaus gebracht. Von dort sollte er nie wieder zurückkehren. Meine vorletzte Erinnerung war die, wie er mich an einem Schal, auf einem kleinen Teppich, durch das Wohnzimmer gezogen hat.

Mit dem bin ich gestartet.



Zu meiner Cousine hatte ich lange Zeit keinen Kontakt. Ich fand sie im Internet. Sie war auch Zauberin und hatte sich mit Kinderschminken selbstständig gemacht. Das Erbe lebte also weiter. Ich hingegen hatte eher das Fotografieren mitbekommen. Oder? War da noch mehr?

 

Mein Onkel, der Sohn meines Großvaters und Vater meiner Cousine, leider verstarb auch er sehr früh.

 

NIcht besonders viel!


Irgendwann, das ist schon ein paar Jahre her, eines einsamen Abends, surfte ich auf der Seite von Vlcice, ehemaliges Wildschütz. Dort tauchte in einem unübersichtlichen Wust aus Fotos der Vergangenheit eine deutsche Postkarte auf. Darauf abgelichtet: das Haus / die Handlung meines Urgroßvaters! Ich glaube ab genau da war ich ziemlich angefixt. Tausend  Fragen schwirrten mir im Kopf. Steht das Haus noch? Wo genau? Gab es vielleicht noch Menschen die sich erinnern? Ach Mist ich kann kein Tschechisch... Ich stolperte über mich selbst, sinnierte ein bisschen darüber nach und ließ das Thema dann gleich wieder fallen. Die Zeit war einfach nicht reif.


Das ist eine ältere Karte von Wildschütz, eingezeichnet auch hier das Haus von der Handlung Gröger. Nr. 91. Ich glich die Karte mit dem jetzigen Straßenverlauf in Vlcice ab. Ohne großen Erfolg. Irgendwie fand ich mich da nicht so zurecht.

 

Immerhin, mein Uropa hieß Alois. Soviel wusste ich jetzt. Und er hatte eine Handlung. Mein Opa hat also ne Menge von Ihm gelernt und war aus diesem Grunde vielleicht auch ein so erfolgreicher Autoverkäufer.

 

In diesem Haus war es vielleicht auch, als Opa, Günther am 02. August 1912 das Licht der Welt erblickte.

 

https://www.ou-vlcice.cz/ - die offizielle Webside war also meine erste Anlaufstelle. Vlcice bedeutet im deutschen: Wolf. Ein Ort namens Wolf.  Wow! Könnt schon angehen, diese Zähigkeit. :)

Das war es dann erst einmal für eine lange Zeit. Ich hatte viel zu tun und es ist viel passiert. Der wölfische Nachgeschmack blieb, der Rest musste warten. Eines Tages werde ich dort hinfahren, sagte ich mir. Ein paar Tage später fand ich an einem riesengroßen Steinstrand, mitten in Schottland, eine kleine Steinkugel. Einfach so. Ob das ein Zeichen von Opa war? Es fühlte sich so an und ich hob sie auf. Sie sieht aus wie ein kleiner Mond mit all ihren Kratern und dem Grau. Ich legte sie in den Magierkoffer, den ich von meinem Großvater noch hatte, zu all den anderen kleinen Kugeln, die er damals dort hineinlegte. 

 

Und dann hatte mich das Leben wieder und ich vergaß das wunderbare Abenteuer, dass mir bis dato so viele Rätsel augegeben hatte. Bis....

Handlung 1971
Handlung 1971

... mir, Jahre später,  die alten Alben von meiner Oma wieder in die Hände fielen. Da tauchte es wieder auf, dieses Haus, mit all seiner Wucht. Ich war erneut wie verzaubert und dieses Mal schmiedete ich einen Plan.

 

Mein Großvater hat mir einen wahren Schatz überlassen. Nicht nur das er alles feinsäuberlich aufgeschrieben und dokumentiert hatte, er hat mir sogar die alten Routen hinterlassen. Einen Haufen Menschen, mit denen ich nichts anfangen kann, eine handschriftliche Abhandlung, die ich nicht lesen kann und hat das ganze dann hüpsch alten Alben aufgetischt.

 

Tja. Was machen. Hilfe musste her. Als erstes musste ich herausfinden, ob dieses Haus noch steht. Es wäre meine Basis, die Basis meiner Reise.

Ein Glück, dass ich Mario fand. Mario betreibt die Ahnenforschung als Hobby und hatte "mir nichts dir nichts" unglaubliches herausgefunden....

Eintauchen in die Geschichte

Das Haus meines Uropas, Alois, stand noch. Jetzt ist es eine Gemeindeverwaltung mit Post und einer Bibliothek, wenn ich das richtig entnommen habe. Die kleine Treppe im vorderen Bereich ist erhalten geblieben, der Rest wurde umgebaut. Insgesamt aber ist das Haus sehr gut in Schuß und es sieht auch nicht so aus, als wenn es morgen zusammenbricht.

Als Mario mir das schrieb, hätte ich beinahe heulen können. Es war als würde sich für ein Bruchteil einer Sekunde die Geschichte wieder aufbauen. Das musste ich erstmal alles verarbeiten!

 

Auch die Einträge in den alten Kirchenbüchern waren noch vorhanden.

Alois und Emilie hatten zwei Kinder, Günther und Elisabeth. Über Elisabeth habe ich bislang nichts herausgefunden. Leider. 1942 heiratete Günther Marianna, aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Als mein Großvater geflohen ist, nach Lingen, traf er dort meine Oma, Elsbeth, die auch in einem Flüchtlingsheim aufgenommen war. Sie verliebten sich und heirateten 1952, zogen nach Osnabrück und bekamen zwei Kinder.

 

Und es kam sogar etwas über eine Generation vorher heraus, der Opa meines Opas wiederum, hieß Gregor. Gregor hatte eine Frau mit Namen Karolina, geborene Schreiber. Witzig, wo ich Schreiber bin ...

Gregor beziehungsweise Alois haben ihre Wurzeln in Österreich. Was sie damals nach Tschechien trieb? Noch weiß ich das nicht und vielleicht werde ich das auch nie herausfinden. Da liegt auch nicht mein Augenmerk. Mein Augenmerk liegt bei Günther, dem Magier.

Genetik und ihre Folgen

Ich habe mich oft gefragt, was ich wohl geerbt habe. Von meiner Oma habe ich einiges, auch äußerlich, was mich, die alten Bilder betrachtend, manches Mal schmunzeln lässt.

Opas Eckzähne sind mir erhalten geblieben, die liebe zur Fotografie, vielelicht auch des Schreibens, der Sammeltrieb ging zum Glück an mir vorrüber. Ich bin kein so glückseeliger Verkäufer. Dafür leidenschaftlicher Raucher.

Opa hat immer alles selbst gemacht, sagte Oma mal. Er hatte Spaß am Planen und am Reisen.

Im Krieg hat er Auszeichnungen dafür bekommen, dass er seinen Kameraden in schlechten Zeiten immer mit einem magischen Trick die Zeit vertrieben hat. Er hat auch Karten gelegt. Ein Talent, welches er mir ebenfalls vererbt hat. Ich bin geschickt damit, ohne es groß geübt zu haben. Später hat Opa dann Kurse über Magie an der VHS OSnabrück gegeben. Nebenher. Meine Cousine ist da besser gestellt, wie ich später herausfand, auch sie hat die gesamte künstlerische Ader abbekommen, vom fotografieren, bis hin zum zeichnen. Den kleinen Tricks. "Generation Krieg" konnte es sich nicht leisten, klein beizugeben - irgendwie steckt das auch in uns. Wird halt nicht aufgegeben, solange die Schlacht nicht geschlagen ist.

 

Es gibt noch viel herauszufinden.

 

Als erstes möchte ich ein bisschen tschechisch lernen. Dazu habe ich mir einen Sprachkurs organisiert, der bald ankommen sollte - danke Johannes!

 

Die verbleibende Zeit werde ich nutzen, um eine Route auszuarbeiten, die sich eng an Opas damalige Strecke von 1971 orientieren wird.

 

Es bleibt spannend. Vielleicht können mir die Karten ja dabei helfen?  ;)

 

 

 

Es bleibt auch weiterhin sehr spannend. Ich hatte mich vor 2 Stunden bei Facebook wieder angemeldet.

Bei einem tschechischen Bier. Tolle Idee. Nun, ich habe die Seite von Vlcice ausfindig gemacht und denen auch geschrieben.

 

Sie freuen sich, wenn wir sie besuchen kommen. Und nach etwas hin und her, via google translate, was immer abzuraten ist, war auch klar, dass es sich um das falsche Vlcice handelt, da es mehrere gibt.

 

Ich bin ein bisschen sehr aufgeregt, wenn ich ehrlich bin... Was da wohl bei rumkommt...

Dem falschen Wildschütz sein dank, habe ich nun das richtige gefunden.

 

In dieser auch nun das Bild. Es ist schon nach 23 h... Zeit um alle Eindrücke ein bisschen sacken zu lassen.

 

 

Ahoi!


Update 25.02.2019
Ich hatte ja eine email geschrieben, an das "richtige" Vlcice. :) Gestern hat mir Herr Fojtek, der Bürgermeister geantwortet. Er freut sich über das Bild, von damals und auch, wenn ich dann vorbei komme. Er lernt gerade deutsch!

Ich rieche sowas wie Stallluft, ohne das ich irgendwie beschreiben könnte, wonach sie letztendlich riecht.

 

Mein tschechisch - Kurs ist angekommen, auch vor ein paar Wochen, derzeit finde ich leider wenig Zeit zu lernen. Die Vokabeln allerdings, die ich bereits gelernt hatte, die sitzen noch.